Reisen in Zeiten des Coronavirus

8. April 2020 2 Von Rahel Candrian

Am Freitag Abend sehen wir, wie der Fischerverein ein paar Kilogramm Fische in den Fluss wirft. Später erfahren wir, dass das in allen Flüssen hier so gemacht wird. Fischen ist in Frankreich ein Volkssport und der Beginn der Saison lockt sehr viele Leute ans Wasser. Ale stellt seinen Wecker und obwohl er kurz nach sieben Uhr am Fluss ist, weiss er gar nicht, wo er sich hinstellen soll. Überall stehen schon andere Fischer.

Nach dem Frühstück gesellen wir uns dazu und fischen munter mit. Leider fangen wir nichts. Doch bei so viel Betrieb würde ich mich als Fisch auch nicht blicken lassen. Wir schlafen eine zweite Nacht bei der römischen Brücke in Vins-sur-Caramy und versuchen unser Glück am Sonntag nochmal. Als wir bis zum Mittag noch nichts gefangen haben, fahren wir weiter.

Was für ein Ausblick!

Einen Fluss weiter nördlich bleiben wir eine Nacht. Es ist wunderschön. Wir fischen, spielen Fussball, fahren mit dem Dreirad und geniessen die frische Luft und die Sonne. Und am zweiten Tag fängt Ale endlich eine Forelle. Bravo! Auch in diesem Fluss wurden eine Menge Fische freigelassen. Doch entweder verstecken sie sich sehr gut oder sie wurden bereits am Tag darauf alle gefangen. Wir fahren weiter. Doch dieses Mal ist es schwierig einen Übernachtungsplatz zu finden. Erst als die Sonne gerade unter geht, finden wir etwas. Und was für ein Platz. In der Natur direkt am Fluss.

Am Fluss Argens

Die Massnahmen gegen das Coronavirus spitzen sich zu. Und auch ich verfolge jetzt die Nachrichten. Wie soll es für uns weiter gehen? Ich halte es für das Beste, in Frankreich zu bleiben, einen ruhigen Ort zu suchen und das Ganze auszusitzen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. In der Schweiz werden alle Läden (ausser Lebensmittelläden) geschlossen, kulturelle Veranstaltungen verboten und alle Schweizer aufgefordert nach Hause zu kommen. Und am Abend wird in Frankreich die Ausgangssperre verhängt. Ich schlafe schlecht, aber uns ist am nächsten Morgen klar: Wir fahren zurück. Aber zuvor noch kurz fischen.

Balance halten, Ale!

Zum Glück sind wir nicht nach Sizilien oder Portugal gefahren. So müssen wir nur eine Landesgrenze überqueren und sind bald zu Hause. Unterwegs übernachten wir noch einmal in Frankreich. Ale geht noch einkaufen und ist irritiert, so viele Leute mit Masken zu sehen. Zum ersten Mal sind die Regale teils fast leer. Ein mulmiges Gefühl. Als wir weiter fahren werden wir von der Polizei angehalten. Um unterwegs sein zu dürfen, bräuchten wir eine schriftliche Bescheinigung mit Begründung. Haben wir nicht. Nachdem wir aber erklärt haben, dass wir Schweizer sind und in unser Heimatland zurück wollen, erzählt haben, dass wir schon länger unterwegs sind, und er uns ermahnt hat, dass wir nicht wieder nach Frankreich einreisen können, lässt uns der Polizist gehen. Kurz danach passieren wir die Grenze.

Leere Regale in Frankreich

Wir rechnen damit, auch hier begründen zu müssen, warum wir wohin möchten. Doch der Zöllner fragt uns nur, ob die beiden Kinder hinten sitzen würden. „Wo denn sonst?“ kommt uns erst in den Sinn, als wir schon durch gewunken wurden. In der Schweiz scheint uns alles ziemlich normal zu sein. Viel Verkehr auf der Autobahn und auf den Gehwegen. Wir gehen erst mal auf den Campingplatz in Unterägeri. Dort können wir ankommen und etwas verschnaufen. Doch so ein Campingplatz ist unserer Ansicht nach nicht geeignet, um sich an Social Distancing zu halten. Darum geht es für uns weiter.

Ägerisee olé

Auf dem Weg zu meinen Cousinen Sara und Lisa, machen wir einen Halt bei Marina. Wir laden ein paar Dinge aus dem Wohnmobil und packen anderes ein. Dann meldet sich Sara: sie liegt mit Fieber im Bett. Bei ihr auf der Arbeit ist jemand mit Verdacht auf Corona isoliert worden. Was jetzt? Da bietet uns Marina an, dass wir eine Weile bei ihr bleiben können. Wir Glückspilze!

In Ägeri geniessen wir Haus und Garten in vollen Zügen. Wir jäten, schneiden die Hecken, putzen die Dachrinnen, sammeln Würmer, säen aus, spielen Fussball, fahren Dreirad und Bobbicar, machen Seifenblasen, backen Brot, bauen Legotürme, lösen Puzzles. Wir können zur Ruhe kommen. Es ist herrlich, nicht immer die neuesten Entwicklungen verfolgen zu müssen, nicht ständig neue Pläne zu schmieden und wieder zu verwerfen. Ab und zu sind wir auch im Wald oder am See. Das Wetter meint es ja gerade sehr gut.

Frische Waldluft und etwas Rauch

Auf Instagram begleiten wir viele andere Reisende, die mit dem Wohnmobil unterwegs sind. Die meisten von ihnen sind wie wir in ihre Heimatländer zurück gekehrt. Es gibt aber auch andere, die jetzt festsitzen in Italien, Albanien, Griechenland oder Bulgarien. In Spanien und Portugal sind auch ein paar Reisende geblieben, die ein Grundstück gefunden haben, um sich zurück zu ziehen. Während sich eine Familie freiwillig noch in Marokko aufhält, hat eine andere Familie tagelang an der Grenze gewartet, bis endlich eine Fähre sie und viele andere Camper nach Frankreich gebracht hat.

Pause auf dem Weg um den See

Wir sind uns bewusst, dass es in dieser Krise nicht allen Leuten so gut geht wie uns. Wir sind unglaublich dankbar. Dafür, dass wir vor einem Jahr in unsere Auszeit gestartet sind. Dafür, dass wir es gewohnt sind die ganze Zeit zusammen zu sein. Dafür, dass die Einschränkungen für uns keine grosse Umstellung sind. Dafür, dass wir bei Marina und auch bei Sara und Lisa willkommen sind. Dafür, dass wir alle gesund sind. Dafür, dass wir ohne Probleme in die Schweiz zurück kehren konnten. Dafür, dass wir noch etwas Geld auf der Seite haben. Und für vieles mehr. Wie geht es dir mit dieser Situation?