Wünsche gehen in Erfüllung

8. November 2019 2 Von Rahel Candrian

Bevor wir auf die Fähre gelassen werden, heisst es geduldig sein. Die Kinder sind schon echt müde und so ist die Warterei anstrengend. Und wir gehören sogar zu den allerletzten, die auf die Fähre dürfen. Damit niemand von uns im oberen Bett liegen muss, haben wir uns für eine Kabine mit drei (statt zwei) Stockbetten entschieden. Und das hat sich wirklich gelohnt. Kaum legen wir los, beginnt es auch schon zu schaukeln. Zwar ertragen wir das im Liegen viel besser, doch es ist trotzdem sehr gewöhnungsbedürftig. Die Nacht ist nicht so erholsam. Und als morgens um 8 Uhr die Durchsage kommt, dass das Frühstück bereit sei, zündet Matteo gleich das Licht an. Guten Morgen!

Wartezeit geschickt nutzen

Ans Schaukeln haben wir uns gewöhnt und mit unserer Kabine mit eigenem Bad sind wir zufrieden. So lässt es sich aushalten. Später machen wir einen Mittagsschlaf, um etwas Schlaf nachzuholen. Wir fangen langsam mit dem Aufräumen an, als sich plötzlich der Kapitän meldet: In Kürze treffen wir in Cherbourg ein. Was, jetzt schon?! Schnell packen wir zusammen, da klopft es auch schon an der Tür. Sie wollen die Kabine reinigen. Nachdem wir die Kabine verlassen haben, passiert dann aber wieder lange nichts. Als wir endlich nach unten gelassen werden, merken wir, dass alle längeren Fahrzeuge wenden müssen, um die Fähre zu verlassen. Ein Lieferwagen hält rückwärts direkt auf uns zu. Und rammt uns. Zum Glück ist nichts vom Zusammenstoss zu sehen uns so rollen wir los nach Frankreich.

Andere Schiffe beobachten am Hafen

Ale interessiert sich sehr für Geschichte und ist überglücklich, dass wir in der Normandie gelandet sind. Endlich kann er die Strände besichtigen, wo die Alliierten 1944 die Offensive zur Rückeroberung Europas gestartet haben. Auf dem Weg zum Utah Beach sehen wir zufälligerweise eine Fiatgarage. Es ist Freitagabend und wir können für Montag einen Termin vereinbaren für einen Service. Dann geht es zum Strand. Es wimmelt hier von Tafeln, Schildern, Panzern, Flaggen, Museen, Bunkern und Denkmälern. Es ist ein seltsames Gefühl, an der Küste zu stehen und daran zu denken, was hier vor 75 Jahren geschehen ist.

Nach einer Nacht auf einem Parkplatz in einem der kleinen Dörfer besuchen wir den amerikanischen Soldatenfriedhof. Das Gelände ist sehr weitläufig und man sieht direkt auf den Omaha Beach. Matteo flitzt von Bank zu Bank und Lorena geniesst die Aussicht von Ales Schultern. Wir sind überrascht, wieviele Leute hier sind Ende Oktober und wieviele Wohnmobile unseren Weg kreuzen.

Eines von gefühlten Hundert Bänkchen

Auf Ales Wunschliste steht jetzt noch der deutsche Soldatenfriedhof. Auch hier herrscht mehr Betrieb als erwartet. Alle entdeckt per Zufall sogar das Grab eines bekannten Panzerkommandanten. Und damit gibt er den Zauberstab, der Wünsche erfüllt, an mich weiter. Schon seit Tagen liege ich ihm in den Ohren: Ich will Marroni sammeln, braten und essen!

Monumente erklimmen

In Irland habe ich vergeblich nach den Bäumen Ausschau gehalten. Im Norden Frankreichs soll es vereinzelt Marronibäume geben. Gerade will ich einen Plan aushecken, wo wir ältere Leute kennenlernen und nach den Bäumen fragen könnten, da fahren wir durch eine kleine Allee, wo der ganze Boden voller stachliger Schalen und samtenen Marroni ist. Ale hält sofort an und ich sammle sie fleissig ein. Ach, wie toll!

In Isigny-sur-mer gibt es einen gratis Stellplatz. Den steuern wir an. Zum Glück sind wir früh dran, denn der Platz ist sehr beliebt. Als wir schlafen gehen sind die sechs Plätze besetzt und mindestens sechs weitere Wohnmobile stehen rundherum. Am nächsten Tag machen wir einen Spaziergang durch das Städtchen. Wir besuchen die Caramelfabrik, erfreuen uns am Springbrunnen und finden einen Spielplatz. Auf dem Stellplatz verbringen wir eine zweite Nacht. So müssen wir am Montag nicht weit fahren zur Fiatgarage.

Während Ale dem Mechaniker Gesellschaft leistet, machen Matteo, Lorena und ich einen Grosseinkauf. Der Mechaniker rät uns, die Ölwanne zu ersetzen, die Vorderreifen bald zu wechseln, ausserdem läuft das rechte Vorderrad nicht ganz rund und das Bremslicht funktioniert nicht. Alles Dinge, die er leider nicht sofort erledigen kann. Auch einen Seitenspiegel hat er nicht auf Lager. Weil wir nicht noch länger in dieser Region auf Ersatzteile und einen neuen Termin warten wollen, fahren wir weiter und wollen bald eine andere Werkstatt aufsuchen. An einem Picknickplatz mit super Sicht auf den Mont-Saint-Michel machen wir eine Pause.

Dann geht es weiter südlich. An einem kleinen See übernachten wir auf dem Parkplatz. Am Morgen finden wir im Wäldchen noch mehr Marroni. Obwohl er sie gar nicht gerne isst, ist Matteo genauso begeistert wie ich. So langsam leert sich unsere Gasflasche und wir merken, dass wir ein Problem haben. Denn in Frankreich werden Gasflaschen nicht aufgefüllt. Punkt. Wir versuchen es überall. Ergebnislos. Gasflaschen kaufen hingegen könnten wir überall. Doch die Flaschen sind zu gross und zu schwer, das lohnt sich nicht. Und die kleinen Flaschen haben einen anderen Anschluss. Mist! Mit diesem Problem haben wir nicht gerechnet.

Wir sind ja schon etwas verliebt in Frankreich

Nach einer Nacht auf einem kleinen Picknickplatz fahren wir lange. Unterwegs können wir an einer Autobahnraststätte gratis duschen. Was es nicht alles gibt. Jetzt sind wir in der Region Allier, wo es viele Seen und Flüsse zum Fischen gibt. Es ist aber schon spät und so können wir vorerst nur ein Fischerpatent für den nächsten Tag lösen und unterwegs irgendwo am Fluss schlafen. Am nächsten Tag geht es dafür rasch zum See von Troncais. Dort verbringen wir den Tag mit Fischen und Marroni grillieren. Matteo fängt zwei Egli und auch ich ziehe eines an Land. Wir geniessen es, wieder einmal einen ganzen Tag draussen zu verbringen, obwohl es bewölkt und regnerisch ist.

Ganz in der Nähe steht ein Restaurant, wo wir essen und auf dem Parkplatz schlafen können. Wir sind froh, dass wir sonst selber kochen, denn darauf warten zu müssen, dass die Küche öffnet, nervt. Auf dem Weg zum Wohnmobil erhalten wir Besuch von einem Feuersalamander. Ich bin entzückt und das überträgt sich schnell auf die Kinder. Lorena will ihn packen und Matteo kriegt gar nicht genug davon, ihn zu fotografieren.

1. November… Ob da wohl alles zu ist? Ja, das ist es. Na, das ist aber eher doof, wenn man nach einer Autogarage sucht. Dann verschieben wir das eben weiter. Wir folgen dem Fluss Allier und finden einen tollen Platz unterhalb der Abtei Chanteuges. Die Dörfer rundherum mit ihren alten Steinhäusern sind so süss. Wir übernachten zwischen Fluss, Wald und Felsen. Herrlich. Und der nächste Morgen bringt super Wetter. Das geniessen wir beim Fussball spielen, bevor wir weiterfahren. Hier könnten wir länger bleiben, doch ich möchte am Sonntag in Vesseaux sein.

Blick aufs Dorf auf den Felsen

Unser Weg führt uns ins Gebirge. Der Herbst ist so richtig sichtbar und spürbar. Und kurz vor unserem Ziel sind wir plötzlich mitten im Nebel. Im kleinen Dorf Lachamp-Raphaël übernachten wir auf dem Stellplatz. Das Dorf ist das höchstgelegene der Region und es ist windig. Doch von Irland sind wir uns schlimmeres gewohnt. Erst am Morgen beim Frühstück wird es richtig ungemütlich. Was da gegen die Scheiben prasselt sieht nicht mehr nach Regen aus. Wir fahren schnell weiter.

Bald schon sind wir aus dem Nebel draussen und es bietet sich uns eine wundervolle Aussicht nach der anderen. Die Farben lassen uns staunen.

Aussicht in die Berge Frankreichs

Leider ist der Stellplatz in Vesseaux schon voll. Doch es hat genügend andere Parkplätze. Und unserem Besuch des Marronifestes (Castagnades) steht nichts im Weg. Wir geniessen das Bummeln durch die Stände und probieren ein paar Marronispezialitäten. Besonders gefällt uns die traditionelle Musik mit Tanz.

Musik und Tanz zu Ehren der Marroni

Ein paar Dörfer weiter machen wir Halt auf einem Stellplatz. Ganz in der Nähe entdecken wir einen tollen Spielplatz. Dort geniessen wir das trockene Wetter. Am nächsten Morgen fahren wir zur Autogarage, bei der wir online einen Termin vereinbart haben. Leider haben sie trotzdem keine Zeit. Immerhin schaut sich ein Mechaniker kurz unsere Ölwanne an und versteht nicht, warum uns geraten wurde, sie zu ersetzen. Ein Problem weniger. Weiter geht es für uns in den Süden. Die Berge weichen und es wird schnell ganz flach. In der Camargue übernachten wir auf dem Parkplatz eines Reiterhofes.

Auch in Südfrankreich gibt es Stierkämpfe, sie enden aber nicht blutig – im Gegensatz zu den Kämpfen in Spanien

Jetzt ist Matteos Wunsch an der Reihe. Er findet Flamingos toll und so machen wir uns auf zum Ornithologischen Park. Wir sind erstaunt, wieviele Flamingos hier leben, wie nah wir ihnen kommen können und was für einen Lärm sie veranstalten. Ein einmaliges Erlebnis.

Flamingo, schöne Vögel

Wir wollen die Nacht auf einem Campingplatz verbringen, denn Südfrankreich ist ja leider auch für die Kriminalität bekannt. Doch es ist gar nicht so einfach, einen Camping zu finden, der noch geöffnet ist. Auf der Suche kommen wir durch das Dorf Martigues. Oh, eine Höhenbegrenzung auf 3.2 Meter. Sind wir wirklich nur 3.1 Meter hoch? Wir haben es nie nachgemessen. Doch, das passt. Glück gehabt!

Knapp, knapper, am knappsten

Auf dem Camping Neptune mit wunderbarem Blick auf den See schlagen wir unser Lager auf und laden die Batterien. Am nächsten Tag waschen wir das Wohnmobil und suchen Campinghändler auf. Sie sind hilfsbereit, können uns aber nicht viel weiter helfen. Wir fahren in den Norden Richtung Schweiz. Irgendwie haben wir beide momentan keine Lust, in Spanien und Portugal zu überwintern. Viel lieber wollen wir ein paar Arbeiten am Wohnmobil erledigen. In der Schweiz wollen wir Ballast loswerden.

Ale putzt fleissig unser Womo

Als wir im Stau stehen machen wir einen Fahrerwechsel, denn Ale muss mal. Ein weiterer Vorteil im Wohnmobil. Doch kaum ist er aufgestanden, können wir wieder fahren. Ich bleibe hinter den Steuer sitzen und die verdutzten Gesichter der Kinder zeigen sehr deutlich, wie ungewohnt das ist. Unser Übernachtungsplatz liegt auf einem Berg bei der Abtei Notre Dame de Ganagobie. Der Weg nach oben ist steil und eng. Doch die Aussicht ist wunderschön und wir verbringen eine einsame und ruhige Nacht.

Es ist kühl und regnet. Also nehmen wir den Asphalt unter die Räder und machen Strecke. Zum Glück machen unsere Kinder so gut mit. Mit einem Zwischenstopp in einem Fischereigeschäft schaffen wir es bis in die Nähe von Aix-les-Bains. Hier übernachten wir am Fluss. Jetzt geht es weiter in die Schweiz. Grüezi!